Das Seminar untersucht soziologische Konzepte von Schuld, „Wiedergutmachung“ und „Versöhnung“ im Kontext der deutschen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie kollektive Schuld – insbesondere die „deutsche Schuld“ – gesellschaftlich konstruiert, politisch bearbeitet und kulturell erinnert wird. Dabei geht es auch um die symbolischen und materiellen Praktiken der sogenannten „Wiedergutmachung“ – etwa durch Entschädigungszahlungen, Gedenkpolitik, Schuldbekenntnisse oder erinnerungskulturelle Rituale – sowie um die Kritik und Grenzen solcher Bemühungen. Wir untersuchen darüber hinaus, wie individuelle Schuld von kollektiver Schuld unterschieden wird und welche gesellschaftlichen Funktionen Schuldzuschreibungen übernehmen. Und wir analysieren konkrete Diskurse und Fallbeispiele: Wie wurde der Begriff der Schuld im Nachkriegsdeutschland verhandelt? Welche Dynamiken prägen die vermeintliche Transformation von der Täter- zur Gedenkgesellschaft? Und wie äußert sich sekundärer Antisemitismus in Reaktionen auf Schuldzuschreibungen – etwa in der Abwehrhaltung gegenüber „Erinnerungspflichten“ oder in der Relativierung des Holocaust? Im Seminar wird schließlich auch ein Bogen zu aktuellen politischen Entwicklungen geschlagen – etwa im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine oder globalen Debatten über Kolonialverbrechen –, um Kontinuitäten, Verschiebungen und Konflikte in kollektiven Schuld- und Wiedergutmachungsdiskursen zu beleuchten. Hier fragen wir zum Beispiel nach der Rolle von Museen und Objekten für ‚prognostische Geschichtsschreibungen‘ in diesem Kontext: Inwiefern ermöglichen Objekte die Analyse des „Schuldigwerdens“ und deren museale Inszenierung für die Nachwelt bzw. Zukunft?
- Trainer/in: Esther Gardei