Dozent: Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Ernest Hess-Lüttich
Digitalisierung! Künstliche Intelligenz! Lange wurde sie lautstark gefordert, dann euphorisch begrüßt, inzwischen
treten aber auch ihre negativen Folgen zutage. Zwei Lager ("Boomer" und "Doomer") stehen dabei einander
gegenüber. KI-Pioniere wie Ray Kurzweil feiern das Potential. Bald schon würden wir mittels Chip-Implantaten die
Neuronen unseres Neokortex direkt mit Rechnern verbinden und uns damit das Wissen der Welt verfügbar
machen können. Selber Lesen, Lernen, Rechnen werde überflüssig. Die "Transhumanisten" des Silicon Valley
arbeiteten bereits an der Fusion von KI und Mensch. Neurobiologen dagegen beobachten, dass die Nutzung von
ChatGPT die Entwicklung der neuronalen Vernetzung einschränke. Geographen sehen die Fähigkeit zur
Orientierung im Raum durch Navigationssysteme gefährdet. Kognitionspsychologen beklagen eine zunehmende
"digitale Amnesie". Bildungsforscher besorgt der Verlust des Interesses bei gleichzeitigem Informations-Overkill.
Linguisten sehen die Sprachentwicklung bedroht ("deprivation of linguistic capacities", NYT). Juristen fragen nach
der Verantwortlichkeit von Menschen, die ihre Entscheidungen an die KI delegiert haben (etwa beim Einsatz KI
gesteuerter Waffensysteme). Politologen sehen den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft bedroht und das
Verständnis demokratischer Prozesse schwinden. Soziologen diskutieren die Bedingungen kommunikativer
Verständigung, wenn die Grundlage gemeinsamer Realitätswahrneh-mung schwindet (was ist 'wahr', was "fake"?).
Psychotherapeuten schlagen Alarm angesichts der Ex-plosion potentieller Kontaktmöglichkeiten bei gleichzeitiger
Vereinsamung. Viele Jugendliche verbrin-gen täglich sechs bis sieben Stunden mit ihren Handys, sehen Gewalt und
Pornographie, vergleichen die Empfehlungen zur Optimierung ihrer Profile auf Instagram und TikTok und wechseln
auf der Suche nach einem Gespräch zwischen allerlei Dating-Portalen wie Tinder, Bumble, Hinge, Grindr … – bis sie
bei Love-Scammern landen und um eine Erfahrung reicher sind. Gegen die Enttäuschung suchen sie
psychologische Hilfe im Netz und landen bei "Mental Health Influencern", die mangels Fachkenntnis gegen Gebühr
mehr Schaden anrichten als Nutzen bieten. – In dieser Lage fordern immer mehr Pädagogen Regeln der Nutzung
von KI und Philosophen die Entwicklung einer "Digitalen Ethik". Ihr widmet sich das Seminar aus
kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. Die kontroversen Argumentarien beider Seiten, der Skeptiker wie
der Apologeten, stehen zur Debatte.
Literatur zur vorläufigen Orientierung:
Behrendt, Hauke 2026: Ethik der Digitalisierung, Bielefeld: transcript
Fenner, Dagmar 2025: Digitale Ethik, Tübingen: Narr
Hao, Karen 2025: Empire of AI – Dreams and Nightmares in Sam Altman's OpenAI, New York: Penguin Press
Hess-Lüttich, Ernest W.B. 2025: "Technologieoffenheit? Zur Diskursethik in den Technikwissenschaften", in:
Sebastian Böhmer & Thorsten Unger (eds.) 2025: Technisches Handeln und Verantwortung, Wiesbaden:
Springer, 171-190
Nida-Rümelin, Julian & Nathalie Weidenfeld 2018: Digitaler Humanismus. Eine Ethik für das Zeitalter der
Künstlichen Intelligenz, München: Piper
Reckwitz, Andreas 2024: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, Berlin: Suhrkamp
Simon, Judith (ed.) 2020: The Routledge Handbook of Trust and Philosophy, Abingdon: Routledge
Simon, Judith, Gernot Rieder & Jason Branford 2024; "The Philosophy and Ethics of AI: Conceptual, Empirical, and
Technological Investigations into Values", in: Digital Society 3.10 (2024): 1-13
Weber-Guskar, Eva 2024: Gefühle der Zukunft. Wie wir mit emotionaler KI unser Leben verändern, Berlin: Ullstein
/ Bonn: bpb
Zweig, Katharina 2025: Weiß die KI, dass sie nichts weiß? ChatGPT und Co. einfach erklärt, München: Heyne
- Trainer/in: Maria Fritzsche
- Trainer/in: Ernest Hess-Lüttich
- Trainer/in: Isabel Pinkowski