Zwischen West- und Ostdeutschland bestehen sozio-ökonomische Strukturunterschiede, die sich in sozialer Ungleichheit verfestigen. Diese werden häufig, um nicht zu sagen zu häufig, mit der Frage nach den Ursachen des Erstarkens des Rechtspopulismus und des Wandels der politischen Kultur in Deutschland verknüpft. Die grundlegenden Fragen nach den Wirkmechanismen und langfristigen sozio-ökonomischen Folgen von Transformationsprozessen werden dabei weit weniger intensiv diskutiert. Es stellt sich insbesondere für die Wirtschaftsgeschichte und die Wirtschaftssoziologie die Herausforderung, die unterschiedlichen Einbettungen von Märkten und Unternehmen, von kulturellen und wirtschaftlichen Praktiken sowie informeller Netzwerkstrukturen in eine vergleichende und zeitliche Perspektive zu bringen, die unterschiedliche Verläufe berücksichtigt.
Im Zuge dieser Tagung thematisieren wir deshalb das Erbe sozio-ökonomischer Transformationen. Ganz konkret wollen wir einen neuen Blick auf die Geschichte der Treuhand werfen, die wesentlich den ökonomischen Transformationsprozess ostdeutscher Firmen koordinierte. Im Zentrum sollen dabei sowohl die Einbettung des koordinierenden Handelns der Treuhand ebenso wie die langen Wellen und Folgen dieses Handels für ostdeutsche Regionen, Städte, Branchen oder Sektoren stehen. Es geht darum sowohl die Geschichte der Treuhand neu
zu denken als auch die wirtschaftssoziologischen Einsichten zum Erbe sozio-ökonomischer Transformationen zu überdenken.
Die Tagung soll insofern jüngere wirtschaftshistorische und wirtschaftssoziologische Perspektiven in Dialog bringen. Sie soll einen Austausch darüber ermöglichen, wie das Erbe der Transformation der ostdeutschen Wirtschaft in die heutigen Formen der Organisation, Einbettung und institutionellen Regulierung deutscher Unternehmen, Märkte und Sektoren hineinwirkt und wie die Rechtfertigungs- und Deutungsweisen der heutigen Ungleichheiten und Strukturunterschiede zwischen West und Ost mit diesem Transformationserbe verknüpft sind. Es ist zudem zu erwarten, dass in der Bestimmung eines bestimmten ost- und westdeutschen Transformationserbes auch über diesen Gegenstandsbereich hinausweisende Impulse für historische und soziologische Debatten zu gewinnen sind. So steckt etwa in dem zu untersuchenden Zusammenspiel politischer, sozialer und kultureller Prozesse im Erbe sozioökonomischer Transformation die Möglichkeit, sich der Gemengelage europäischer Gesellschaften zu nähern und diese als fortgesetzte, neue oder auch blockierte Transformation des Kapitalismus zu beschreiben. Hier liegen unter anderem Verbindungen zu den Themenfeldern des ökologischen und digitalen Wandels.
- Trainer/in: Toni Elliot Weiser