Als „unklares anfängliches Schauen“ hat der Wissenschaftsforscher Ludwik Fleck das Beobachten definiert. In seiner 1935 veröffentlichten, über Jahrzehnte vergessenen und erst seit den 1980er Jahren rezipierten Studie zur Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache erklärt Ludwik Fleck die Anfangsmomente des Beobachtens im Kontext empirischer Forschung als „unklares Sehen“, das mit Staunen einhergehe, mit einem Suchen nach Ähnlichkeiten, einem Probieren und Zurückziehen. Einem „Gefühlschaos“ gleiche es, einer Mischung von Hoffnung und Enttäuschung. Wie positionieren sich gegenüber dieser Beschreibung die Praxis und Reflexion des Beobachtens in der Literatur? Wie verhält sich das literarische Beobachten zur Annahme einer unmittelbaren Sprache des Materials, zum ‚reinen Sehen‘ eines sachlichen Auges, zu einem Sich-Erheben über die Gegenstände? Anhand der in den 1920er und 1930er Jahren entstandenen kleinen Prosa, Erzählungen und Romane des wie Ludwik Fleck gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Galizien (heute West-Ukraine) geborenen Schriftstellers Joseph Roth will das Seminar diesen Fragen nachgehen. Wir werden diskutieren, welche literarische Sprache die „Verwandlung des Erzählenden in einen kritisch-zweifelnd Beobachtenden“ (so Roth 1930) hervorbringt, und welche Gegenwarts-Erkenntnis durch sie möglich wird.