LEHRFORSCHUNGSPROJEKT

ZEITENWENDE. UTOPIE MODERNE (BERLIN KEHRT WIEDER)

Prof. Dr.-Ing. Jörg Gleiter, Dipl.-Ing. Gyöngyvér Győrffy

Nie war mehr Wille zur Utopie als in den unmittelbaren Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg. Vor allem in Berlin, der Frontstadt und geteilten Hauptstadt. Man könnte auch sagen: Nie war mehr Moderne. Aber die Moderne ist keine Stilkategorie – zu der sie allerdings zu oft reduziert wird –, sondern ein Bewusstseinszustand, durch den Zukunft und Vergangenheit in je spezifischer Weise miteinander ins Verhältnis gesetzt werden. Mit der Zukunftseuphorie – wie sie sich in Mode, Design, Konsum, Theater, Film und vor allem in der Architektur zeigte – markierte die Nachkriegszeit einen Wendepunkt. Es gehört zur Paradoxi von Modernität dazu, dass die Utopie, die auf das Ideal eines neuen, besseren Lebens gerichtet war, gleichzeitig in der konkreten Materialität der Architektur und der Waren gegründet war. Das Ideal gründet und mündet gleichzeitig im Praktischen. In wechselseitiger Abhängigkeit ist das eine im anderen begründet. 

Aber auch heute, nach allgemeinem Empfinden, befinden wir uns wieder an einem Wendepunkt, indem aber die naive Zukunftseuphorie der Nachkriegszeit, wie es uns oftmals vorkommt, seine Überzeugungskraft verloren hat. Die Zukunft scheint sich wieder zu verschließen und opak zu werden. Die Entwicklung löst Ängste und apokalyptische Fantasien aus. Das große emanzipatorische Projekt der Moderne scheint zu seinem Ende gekommen zu sein, die Emanzipation in ein neues Projekt der Abhängigkeit zu münden. Das Projekt Moderne wird in Frage gestellt und mit ihm große Teile der Architekturentwicklung des 20. Jahrhunderts oder – wenn man den Rahmen weiter fassen möchte – der letzten 500 Jahre seit der Neuzeit, also der Renaissance. Ist die Moderne an ihr Ende gekommen, oder sollte man an ihr als einem unvollendeten Projekt festhalten?

Das Lehrforschungsprojekt widmet sich dieser Frage. Dafür ist wichtig, zurückzuschauen auf eine der spannendsten Epochen des 20. Jahrhunderts, auf die unmittelbare Nachkriegszeit und die Entwicklung der modernen Architektur. Dazu bietet sich das Werk der Architekten Paul Schwebes und Hans Schoszberger an. Sie sind die Architekten, die in der Nachkriegszeit (1950er Jahre) wesentlich für die Gestaltung der Berliner City-West verantwortlich waren und deren Bild geprägt haben – ohne dass die Gebäude sich mit ihrem Namen verbinden – wer kennt schon den Namen der Architekten des Bikini-Hauses, des Hotel Interkontinental oder des Telefunkenhochhauses am Ernst-Reuter-Platz oder dem Gebäude, in dem ehemals die Buchhandlung Kiepert in der Knesebeckstraße untergebracht war.