Im Kant-Jahr 2024 bietet es sich an, dessen kontrafaktische Vorstellungen eines vollkommenen Gesprächs zum Ausgangspunkt des Nachdenkens über die Bedingungen der Möglichkeit von Verständigung zu nehmen, zumal in Zeiten, in denen
Konfliktkommunikation den gesellschaftlichen Zusammenhalt zunehmend herausfordert. Kants Bedingungen geben zur Bewertung konkreter Gespräche das Richtmaß vor und entfalten als 'regulative Prinzipien' praktische Kraft. Nach der sich durch
eine Vielzahl von Texten in mehreren Disziplinen (Philosophie, Theologie, Pädagogik usw.) ziehenden Figur der normativ-idealisierenden Auseinandersetzung mit dem Gespräch etabliert Habermas den "gesprächsreflexiven Diskurs" als
kommunikationsethisches Programm. Normative gesprächsreflexive Äußerungen stellen somit "nicht nur Indikatoren, sondern auch Faktoren des historischen Wandels von Gesprächswirklichkeit" dar (Meier 2013).
In kritischer Auseinandersetzung mit daraus abgeleiteten linguistischen Ansätzen soll das Seminar – diesseits der Etablierung einer synekdochalen Verwendungsweise des Ausdrucks 'Dialog' (der Religionen, der Kulturen), der heute verschiedenste
Kommunikationsprozesse von der spontanen Begegnung bis hin zu institutionalisierten Arbeitsgruppen bezeichnen kann – unter Rückgriff auf kommunikationstheoretische und linguistisch-empirische Ansätze im Umkreis von Gerold Ungeheuer die in
normativen und diskursethischen Modellen ausgeblendete, aber angesichts sich dramatisch zuspitzender gesellschaftlicher Fragmentierungen und geopolitischer Herausforderungen hochaktuelle Krisen- und Konfliktkommunikation in den Blick nehmen,
in der die Bedingungen der Möglichkeit von Verständigung selbst zunehmend problematisch werden und die daraus erwachsende 'Sprachlosigkeit' (i.S.v. Davidson) zwischen Kontrahenten in gewaltsame Aktion umzuschlagen droht.
Zur Vorbereitung auf das Seminar ist die Lektüre zumindest einer der gängigen Einführungen in die Diskurslinguistik dringend empfohlen, da die Kenntnis ihrer wichtigsten Ansätze und Methoden vorausgesetzt wird. Denn der Schwerpunkt der Diskussion
soll in der praktischen Arbeit mit aktuellen Kontroversen und gesellschaftlich strittigen Fragen diesen (z.B.: Ukraine aufrüsten oder Verhandlungen jetzt? Schuldenbremse ja oder nein? Sind die Aktionen der Klimakleber oder der Landwirte Nötigung oder
Notwehr? Auf welcher Seite soll Deutschland Israel-Palästina-Konflikt stehen? Sind Bewegungen wie BDS oder FFF antisemitisch? Bedroht die Migration die deutsche Identität? Führt die Gendersprache zur Gleichberechtigung? Silvesterböller oder Tierschutz? Bedrohen KI und Soziale Medien unsere Freiheit? Nach dem PISA-Schock mehr Anstrengung oder mehr Achtsamkeit in Bildung und Wettbewerb? Undsoweiter: eigene Vorschläge, auch zu literarischen Fiktionalisierungen strittiger Debatten, jederzeit willkommen!). Erwünscht wäre es, wenn bei der Recherche zu solchen Streitfragen im Sinne der britischen Tradition der 'Debating Societies' jeweils die der eigenen Position entgegenstehenden Argumente vertreten oder wenigstens besonders zur Geltung gebracht würden.