Wissenschaftskommunikation, Citizen Science, Partizipation und dergleichen, das sind die Schlagworte, mit denen heute die Öffentlichkeit für Wissenschaft und Technik gewonnen werden soll. Aber in welchem Maße trifft dies auf ein öffentliches Interesse? Das Seminar und ein darauf aufbauendes Studienprojekt stellt diese Frage historisch für den Fall Berlin, einer Stadt, die sich im 19. Jahrhundert aus einer eher unbedeutenden Residenzstadt zu einer führenden Industriemetropole und Wissenschaftsstadt verwandelte und für die der Begriff Elektropolis geprägt wurde.

Nicht nur Forscher wie Max Planck oder Albert Einstein standen inder Öffentlichkeit, sondern auch die überall sichtbare Industrie, ob AEG, Siemens oder Osram definierte in den 1920er und 1930er Jahren das Zentrum von Wissenschaft und Technik in Deutschland. Diese allgegenwärtige und die breite Wissenschafts- und Technikkultur spiegelte sich in allen Medien, insbesondere den Ausstellungsmedien. Der Verein Deutscher Ingenieure etwa zählte 1935 nicht weniger als 22 Orte, an denen Wissenschaft und Technik in Berlin zu besichtigen und zu erleben war. Dabei fehlten noch die beiden vielleicht spektakulärsten Institutionen: das Naturkundemuseum mit seinen riesigen Wal- und später Saurierskeletten und das imposante Haus der Technik der AEG (später bekannt als Tacheles-Ruine). Sie bildeten mit dem Hamburger Bahnhof, der das Verkehrs- und Baumuseum beheimatete, und dem Reichspostmuseum ein mächtiges innerstädtisches Gegengewicht zu der Museumsinsel der Kunstmuseen.

Das Seminar fragt, in welchem Maß das Ausstellungsangebot auf ein Interesse der Öffentlichkeit stieß oder ob es sogar eine Nachfrage bediente. Was passierte, als das breite Angebot 1945 verschwand? Förderte etwa eine (weiter vorhandene) Nachfrage den Wiederaufbau? Dazu soll diskutiert werden, welche Methoden und welche Quellen geeignet sind, eine Wissenschafts- und Technikgeschichte aus "Nachfrageperspektive" zu schreiben. Können Zeitungsberichte, Wochenschauen, Filme wie "Sinfonie einer Großstadt" usw. die Wissenschafts- und Technikkultur erschließen helfen, oder müsste man private Aufzeichnungen, Briefe und Leserbriefe, Fotos und Postkarten, Hobby-Filme etc. heranziehen?

Literatur (zum Einlesen)

Hanno Möbius (Hg.): Vierhundert Jahre Technische Sammlungen in Berlin, Berlin 1983.

Ulrike Felt: Die Stadt als verdichteter Raum der Begegnung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, in: Goschler, Constantin: Wissenschaft und Öffentlichkeit in Berlin, 1870-1930, Stuttgart 2000, S. 185-220.