Der Kurs findet in HBS 2.19 statt.
Wie gut sind wir darauf vorbereitet, dass gleich zwei oder mehr Katastrophen gleichzeitig stattfinden, sich überlagern oder
gegenseitig in ihren Folgen verstärken? In der Geschichte sind solche kumulativen Katastrophen immer wieder vorgekommen,
man denke etwa historisch an das "andere Zeitalter" Justinians (525-567) mit Pest-Seuche, Erdbeben, Vulkanausbruch,
Feuersbrunst und Hungersnot (cf. Meier 2003); aktuell an die Akkumulation katastrophaler Ereignis-se in Afrika oder
Südostasien mit der Kombination von Dürren (bzw. Überschwemmungen), Pandemie, Heuschreckenplage und Hunger; an die
Kettenreaktion von Erdbeben, Tsunami, Ausfall der Kühlsysteme und Kernschmelze im Atomkraftwerk von Fukushima; an die
Kombination von Wasser-, Energie-, Migrations- und Gesundheitskrise in Süd-afrika; an den russischen Vernichtungskrieg gegen
die Ukraine mit den Konsequenzen nicht nur für das Opfer des Überfalls, sondern darüber hinaus für die Welternährung,
Energieversorgung, Lieferketten usw. Bei solchen Krisen-Clustern haben wir es mit globalen Strukturproblemen der Gegenwart
zu tun, die zugleich den Alltag eines jeden einzelnen betreffen. Solche sowohl individuell als auch gesamtgesellschaftlich
wirksamen Schlüsselprobleme sind 'epochaltypisch' im Sinne Wolfgang Klafkis, insofern es sich dabei "um einen in die Zukunft
hinein wandelbaren Problem-kanon handelt", der unsere Lebenswirklichkeit und unser soziales Handeln nachhaltig zu verändern
das Potential hat (Klafki 1996: 60). Sie sind global, insofern sie die (technisch, ökonomisch, sozial) komplex vernetzten
Gesellschaften insgesamt betreffen; sie sind interdisziplinär, insofern sie nur aus der Pluralität der Perspektiven verschiedener
Fach-gebiete zu verstehen und zu erforschen sind; sie sind ethisch, insofern sie Maximen verantwortlichen Handelns bestimmen
(cf. Hess-Lüttich 2021).
Bei multiplen Krisen ist diskurstheoretisch zudem die politische Dimension ihrer regionalen, nationalen und inter-nationalen
Konsequenzen im Auge zu behalten. Die Debatten darüber, ob demokratische Regierungen oder autoritäre und diktatorische
Regime besser mit solchen Krisen-Clustern fertig werden, sind längst eröffnet. Sind die demokratischen Strukturen in
Situationen divergierender Interessenlagen und gesellschaftlicher Konfliktpotentiale hinreichend robust, wenn
Kontaktbeschränkungen über Monate aufrechterhalten werden müssen, wenn Sozialsysteme kollabieren, Ersparnisse
dahinschmelzen, Arbeitsplätze verloren gehen, militärische Gefahren von außen drohen? Gebiert die eine Krise die nächste und
mündet die Kombination beider in die dritte? Drohen dann politische Verwerfungen wie in den 20'er Jahren des letzten
Jahrhunderts? Die intensive Debatte darüber prägt den aktuellen Diskurs auch im deutschsprachigen Raum und bedarf der
begleitenden linguistischen Analyse. Aber auch zeitgenössische Autoren als sensible Seismographen ihrer Zeit reflektieren sie in
ihren Essays und literarischen Texten. Das Seminar soll anhand des gemeinsamen Gegenstands der Krisenkommunikation beide
Teildisziplinen der Germanistik verbinden.
- Trainer/in: Maria Fritzsche
- Trainer/in: Ernest Hess-Lüttich