Dimensionen des Antiziganismus im polizeilichen Kontext
Markus End, markus.end@tu-berlin.de
Beschreibung
Polizei
muss historisch und bis in die Gegenwart als eine gesellschaftlich
relevante Institution zur Produktion antiziganistischer Ideologie wie
auch zur Anwendung dieser Ideologie in polizeilichen Praxen und
Konzepten betrachtet werden. Von besonderer Relevanz sind hierbei
Fragen eines institutionellen Antiziganismus. Besondere
Aufmerksamkeit lag
in der kritischen Forschung immer wieder auf
Polizeipressemitteilungen (Bohn,
Hamburger & Rock, 1995; End, 2014, S. 236–274)
sowie auf Kontinuitäten in der Erfassung (End,
2019; Lucassen, 1996; Stephan, 2011; Töpfer,
2019).
Auch das Wechselspiel mit kriminalistischer und kriminologischer
Wissensproduktion
wurde
in den letzten Jahren verstärkt in den Blick genommen (Baar,
2014; Töpfer,
2021; Unabhängige Kommission Antiziganismus, 2021, S. 235ff).
Die Kritik an polizeilicher Diskriminierung spielt demzufolge eine zentrale Rolle für die bundesdeutsche Bürgerrechtsbewegung von Sinti und Rom:nja. Die Verbände kritisierten, dass die nationalsozialistischen Täter aus dem Polizeiapparat in der frühen Bundesrepublik in vielen Fällen wieder als ‚Experten‘ tätig waren (Rose, 2008), weiter mit nationalsozialistischen Akten arbeitete und damit erneut Deutungshoheit erlangen konnten. Betroffene und ihre Selbstorganisationen kritisieren bis heute immer wieder Diskriminierung und unverhältnismäßige Einsätze durch Polizei und Sicherheitsbehörden (Attia, Randjelović, Fernández Ortega, Gerstenberger & Kostić, 2021, S. 140–149; Roma Büro Freiburg, 2020, 2022).
Vorgehen
Erste Sitzung: 20. April 2023
Termin: Donnerstags, 10.00-12.00 c.t.
Ort: Seminarraum des Zentrum für Antisemitismusforschung, R 1315, Kaiserin-Augusta-Allee 104-106, Erster Stock
Im
Seminar werden wir uns diesen unterschiedlichen Dimensionen von
Antiziganismus im Kontext polizeilicher Arbeit zuwenden. Die
Konzeption des Seminars beruht auf intensiver Lektüre und
Auseinandersetzung mit den Themen im Semester. Im Gegenzug wird es
keine Referate geben, sowie die Möglichkeit ein
Hausarbeitsäquivalent im Semester zu erbringen. Das Seminar wird aufgeteilt in 5-6 inhaltliche Blöcke, zu denen jeweils ein Basistext und mehrere Texte optional über mehrere Sitzungen hinweg vorbereitet, gelesen und intensiv diskutiert werden.
Grundkenntnisse zum Themenfeld Antiziganismus allgemein sind erwünscht. Zum Einlesen vor der ersten Sitzung eignen sich folgende Texte:
Randjelović, I. (2019). Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze. Vielfalt
Mediathek.
https://www.vielfalt-mediathek.de/wp-content/uploads/2020/12/expertise_randjelovic_rassismus_gegen_rom_nja_vielfalt_mediathek_1.pdf [Stand: 12.04.2023].
Allianz gegen Antiziganismus (2017). Antiziganismus – Grundlagenpapier. https://antigypsyism.eu/wp-content/uploads/2022/01/Grundlagenpapier-Antiziganismus-PRINT-19.09-1.pdf [Stand: 12.04.2023].
Literatur
Attia, I., Randjelović, I., Fernández Ortega, J., Gerstenberger,
O., & Kostić, S. (2021). Rassismuserfahrungen von Sinti:zze
und Rom:nja in Deutschland. Unveröffentlichter Abschlussbericht im
Auftrag der Unabhängigen Kommission Antiziganismus. Berlin:
Alice-Salomon-Hochschule.
Baar, H. van (2014). The Emergence of a Reasonable Anti-Gypsyism in Europe. In T. Agarin (Hrsg.), When stereotype meets prejudice: Antiziganism in European societies (S. 27–43). Stuttgart: Ibidem.
Bohn, I., Hamburger, F., & Rock, K. (1995). Polizei und Presse. Eine Untersuchung zum „staatlich genährten Rassismus“ am Beispiel der Berichterstattung über Sinti und Roma. Jahrbuch für Antisemitismusforschung, 4, 166–183.
End, M. (2014). Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit: Strategien und Mechanismen medialer Kommunikation. Heidelberg: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma.
End, M. (2019). Antiziganismus und Polizei (Schriftenreihe des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma) (Band 12). Heidelberg: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma.
Lucassen, L. (1996). Zigeuner: Die Geschichte eines polizeilichen Ordnungsbegriffes in Deutschland 1700-1945. Köln: Böhlau.
Roma Büro Freiburg (2020). Roma/Sinti Diskriminierungsbericht 2019 Freiburg. Freiburg im Breisgau.
Roma Büro Freiburg (2022). Roma/Sinti Diskriminierungsbericht 2022 Freiburg. Freiburg im Breisgau. https://www.roma-buero-freiburg.eu/site/assets/files/1522/diskriminierungsbericht22.pdf
Rose, R. (2008). Die Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus als Chance für die rechtsstaatliche Behandlung von Minderheiten. In Bundeskriminalamt (Hrsg.), Das Bundeskriminalamt stellt sich seiner Geschichte. Dokumentation einer Kolloquienreihe (S. 125–142). Köln: Luchterhand.
Stephan, A. (2011). Das BKA und der Umgang mit Sinti und Roma – von „Zigeunerspezialisten“ in der Amtsleitung und „Sprachregelungen“ bis zur Sachbearbeiterstelle „ZD 43–22“. In I. Baumann, H. Reinke, A. Stephan & P. Wagner (Hrsg.), Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik (S. 249–285). Köln: Luchterhand.
Töpfer, E. (2019). The EU’s Fight against “Itinerant Crime”: Antigypsyist Policing under a New Name? In I. Cortés Gómez & M. End (Hrsg.), Dimensions of Antigypsyism in Europe (S. 162–179). Brüssel: European Network Against Racism.
Töpfer, E. (2021). (Dis-)Kontinuitäten antiziganistischen Profilings im Zusammenhang mit der Bekämpfung „reisender Täter“. Berlin: Deutsches Institut für Menschenrechte. https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/Redaktion/PDF/UKA/Forschungsbericht_Dis_Kontinuitaeten_antiziganistischen_Profilings_im_Zusammenhang_mit_der_Bekaempfung_reisender_Taeter.pdf [Stand: 13.10.2021].
Unabhängige Kommission Antiziganismus (2021). Perspektivwechsel – Nachholende Gerechtigkeit – Partizipation. Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus. Berlin. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/heimat-integration/bericht-unabhaengige-kommission-Antiziganismus.pdf?__blob=publicationFile&v=2 [Stand: 11.08.2021].
- Trainer/in: Markus End