
Warum benutzten die Sauerländischen Sensehändler mehr als zehn verschiedene Nomen, um auf POLIZISTEN zu referieren? Wie
werden die Jugendwörter des Jahres gewählt und warum interessieren sich so viele für sie? Warum wurde der Angriffskrieg in
der Ukraine in russischen Medien bis vor kurzem Spezialoperation genannt? Und wie fühlen Sie sich, wenn Sie mit Fräulein oder
Bub angesprochen werden? Welche Lexeme in bestimmten sozialen Kreisen gebraucht werden, spiegelt zu einem gewissen Grad
den Zeitgeist sowie die gruppenspezifischen Werte und Identitäten wider. Mit dieser Schnittstelle zwischen Varietäten- und
Diskurslinguistik wollen wir uns in diesem Seminar beschäftigen.
Das Seminar bietet eine Einführung in Theorie, Methoden und Empirie der Diskurs- und Varietätenlinguistik. Dabei wollen wir
uns mit dem Wortschatzinventar spezifischer Gruppen- und Fachsprachen auseinandersetzen, das im Abgleich mit
standardsprachlichen Varietäten auf drei Ebenen analysiert werden kann: Die Morphologie untersucht den Aufbau
sondersprachlicher Lexeme, die Semantik ihre gruppenspezifische Bedeutung und die Pragmatik fragt nach dem
realitätskonstituierenden und zuweilen gruppenidentitätsstiftenden Einsatz der Begriffe innerhalb eines bestimmten
Diskursausschnitts. Zu Beginn des Seminars werden wir Grundlagen der Diskurs- und Varietätenlinguistik mit denen der
Semantik und Pragmatik verknüpfen und an Beispielen diskutieren. Die darauffolgende Vorstellung verschiedener
Sondersprachentypen erfolgt anhand konkreter Wortschatzanalysen und sollen zudem in ad-hoc-Analysen selbst erprobt
werden. Dabei werden mit quantitativer und qualitativer Textanalyse, Feldstudie und Sprecher*innenbefragung vier empirische
Methoden der Wortschatzanalyse eingeführt. Am Ende des Seminars haben die Student*innen Gelegenheit, ihre eigenen
Wortschatzanalysen in Kurzreferaten (kleine Leistung) und einer Hausarbeit (große Leistung) zu präsentieren.
- Trainer/in: Maria Fritzsche