Die Künstlerin Moshtari Hilal und der politische Geograph Sinthujan Varatharajah haben 2021 als „Kinder von Geflüchteten“ eine hitzige Debatte angestoßen. Sie drehten das gängige Label „Menschen mit Migrationshintergrund“ um und forderten auf Instagram dazu auf, über „Deutsche mit Nazihintergrund“ zu sprechen und die eigene Familiengeschichte diesbezüglich aufzuarbeiten. Auf Twitter trendete darauf #MeinNazihintergrund. Eine Generation junger woker Deutscher tweetete über ihre Familienbiografien und Erfahrungen mit deren Aufarbeitung.

Gerahmt von wissenschaftlicher Lektüre begibt sich das Seminar auf eine heikle, aber erkenntnisreiche Reise: Anhand eigener Familiengeschichten nähern sich die Seminarteilnehmenden dem Nationalsozialismus (NS). Das bedeutet jedoch keine „biodeutsche“ Einschränkung auf 1933-1945. Vielmehr hatte der NS eine Vorgeschichte, transnationale Auswirkungen und wirkt bis heute nach – z. B. durch Familiengedächtnisse und Erinnerungspolitik. Ob historische Dokumente, gesprächige Vorfahren, irritierende Leerstellen oder die Erfahrung, erst vor Kurzem mit dem NS in Kontakt gekommen zu sein: Mithilfe familienbiografischer Quellen untersuchen die Teilnehmenden den Umgang mit dem NS. Und selbst wenn in der eigenen Familie eben nicht über den NS gesprochen wird, so ist doch auch das Schweigen aussagekräftig und kann Gegenstand der Auseinandersetzung sein. Der Kurs fragt: Wie unterscheiden sich unsere Geschichten, wie verzahnen sie sich? In welchem Verhältnis stehen die Narrationen und Leerstellen in unseren Familien zur Gegenwart? Finden wir sie und uns selbst in der Gesellschaft wieder?