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Modul: „Vertiefung Planung, Architektur und Gesellschaft 1-7“
 
Leistung: 6 ECTS
 
Dozierende Person: Nina Meier
 
Termine: Mo, 16-18 Uhr (mögliche Änderung vorbehalten)
 
Ort: FH313
 
Kursbeschreibung: Das Seminar widmet sich dem wissenschaftlichen Lesen als einer zentralen, doch selten explizit reflektierten Praxis. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Lesen in Forschung und Lehre meist stillschweigend vorausgesetzt wird – obgleich es sich um eine anspruchsvolle wie komplexe Tätigkeit handelt, in der Verstehen, Deuten und soziale Interaktion ineinandergreifen. Wir erfassen Lesen daher nicht nur als Technik individueller Wissensaneignung, sondern als soziale, kulturelle und epistemische Praxis, die sich im digitalen Wandel (neu?) formiert. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich menschliche Interpretation und maschinelle Mustererkennung produktiv verschränken lassen, ohne hermeneutische Komplexität zu verlieren.
Das Seminar besteht aus drei ineinandergreifenden Teilen: Zum einen erschließen wir uns anhand hermeneutischer, praxeologischer, literaturtheoretischer und wissenssoziologischer Texte die kulturellen und epistemischen Dimensionen des Lesens. Zum anderen erproben die Studierenden praktisch verschiedene Lesestrategien – vom Close Reading bis zum Skimming – und diskutieren deren Wirksamkeit. Darüber hinaus wenden wir uns den neusten technologischen Entwicklungen zu und vergleichen experimentell, wie genau sich die eigene Lektüre raumbezogener Texte ohne Zuhilfenahme von KI von der maschinellen Textverarbeitung unterscheidet. Die Studierenden sollen sowohl ein kritisches Verständnis der Grenzen wie auch der Möglichkeiten der Nutzung von generativen Systemen entwickeln, als auch verschiedene hybride Lesestrategien erproben.
Als Prüfungsleistung verfassen die Studierenden Reading Journals, in denen sie ihre Erfahrungen dokumentieren, Unterschiede zwischen menschlicher Interpretation und maschineller Mustererkennung sichtbar machen sowie kommentieren und Strategien für eine produktive Nutzung generativer Systeme entwickeln.
Ziel ist es, die hermeneutische Komplexität wissenschaftlicher Lesepraxis zu bewahren und zugleich neue hybride Formen des Lesens zu erschließen. Erfahrungen mit KI werden nicht vorausgesetzt – das Seminar bietet vielmehr einen bewussten Rahmen, um sich diesen Technologien forschend und kritisch-reflektierend zu nähern.
Das Seminar richtet sich an Bachelor- wie Masterstudierende gleichermaßen und lädt dazu ein, Lesestrategien praktisch zu erproben, Theorien des Verstehens aus Hermeneutik, Literaturwissenschaft und Soziologie zu diskutieren und schließlich das Lesen mit generativen KI-Chatbots reflexiv zu erkunden.“

Karl Poppers berühmtes Zitat, demzufolge jedes politische Versprechen, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, stets die Hölle erzeuge, soll die aus Poppers Sicht logisch begründbare Unmöglichkeit von Zukunftsprognosen unterstreichen. Demnach scheitert jedes Versprechen, das Paradies auf Erden zu erschaffen, stets an der Differenz zwischen notwendig begrenztem Planungswissen und der Komplexität des Sozialen. Die Tätigkeit handelnder Menschen kann technisch-rational nie vollständig antizipiert oder gar determiniert werden (Hannah Arendt). Nichtsdestotrotz ist die Geschichte der Utopien – von Platons Philosophenkönig über Thomas Morus' „Utopia“ und Campanellas „Sonnenstaat“ bis zu den utopischen Romanen der Frühsozialisten Etienne Cabet, Henri de Saint-Simon oder Charles Fourier – sowie die Geschichtsphilosophie des historischen Materialismus, die Verheißungen des modernen Urbanismus (Le Corbusier) und die neuesten Versprechungen der Smart Cities (Löw) – voll von Versuchen, eine bessere Welt zu erdenken und meist auch durch konkrete Architekturen zu errichten.

Gerd de Bruyn bezeichnet die Verkehrung der meist hehren Ziele utopischer Entwürfe, sofern sie machtvoll durchgesetzt werden können, als die „Diktatur der Philanthropen“ und zeigt, dass die Entwicklung der Raumplanung ihren Ursprung in einem stets mehr oder weniger utopischen Denken nimmt. Diese utopischen Wurzeln der (Raum-)Planung sowie ihr Scheitern (Scott) wollen wir im Seminar anhand einiger klassischer Texte und ausgewählter Beispiele rekonstruieren. Damit sind auch die Fragen der normativen Selbstpositionierung von Planung sowie die Frage, ob die Antizipation einer besseren Welt für die Planung damit tatsächlich vollständig diskreditiert ist, aufgeworfen. Ebenso werden wir der Frage nachgehen, ob anstelle der Utopie aus einem Guss inkrementelle und partizipative Planungsweisen treten können bzw. sollen.

Das Seminar setzt sich intensiv mit den neusten Arbeiten zur Theorie der Refiguration und benachbarter Konzepte auseinander. Refiguration von Räumen ist das Thema des Berliner Sonderforschungsbereiches (SFB) 1265, in dem gesellschaftliche Veränderungen der letzten Jahrzehnte mit dem Fokus auf ihre räumliche Dimension untersucht werden. Über die verschiedenen empirischen Arbeiten hinweg stellt der Begriff der Refiguration allgemeine theoretische Ansprüche: Grundlagentheoretisch will er erstens die räumlichen Aspekte von Gesellschaft in die Sozialtheorie integrieren; zum zweiten zielt er auf eine Theorie des räumlichen sozialen Wandels. Deswegen geht es, drittens, auch darum, die gesellschaftlichen Entwicklungen der jüngeren Zeit diagnostisch zu erfassen.

Gerade wegen seiner Offenheit für empirische Befinde haben wir im SFB den Begriff der Refiguration ähnlich als eine Art theoriegeleitetes „sensitizing concept“ eingeführt. Das heißt, dass wir zwar theoretische Überlegungen aus der relationalen Raumtheorie, dem kommunikativen Konstruktismus und der Eliasschen Prozesstheorie genutzt haben, ohne das Konzept jedoch zu fixieren. Vielmehr haben wir es immer mit Blick auf die jeweiligen Forschungsstände (anfangs anderer, zunehmend eigener Projektarbeiten) formuliert, an die (auch theoretischen) Diskussion der beteiligten Disziplinen angepasst und im Laufe der Zeit verändert. Nach nun zwei Phasen des Sonderforschungsbereich möchten wir diese Entwicklung selbst reflektieren und mit Blick auf die theoretischen Perspektiven und die Potenziale zur Erfassung auch der jüngeren gesellschaftlichen Entwicklungen diskutieren.

Zur Diskussion wollen wir Studierende einladen, die eine sehr gute Kenntnis soziologischer und anderer raumwissenschaftlicher Theorie und Empirie, jedoch nicht unbedingt schon eine große Vertrautheit mit der Refigurationstheorie haben. In einem Workshop sollen auch auch Forschende und Theoretiker*innen zur Diskussion eingeladen werden, die aktuelle Beiträge zur Gegenwartsdiagnose leisten.