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Laut statistischem Bundesamt waren 2022 knapp ein Viertel aller neu gebauten Einfamilienhäuser Fertighäuser, Tendenz steigend. Der offenbar anhaltende Wunsch nach dem eigenen Haus wird für viele erreichbar durch den Rückgriff auf die vorgefertigten Angebote verschiedener Herstellerfirmen, vorab zu besichtigen in weitläufigen Wohnparks am Rand von Städten und Autobahnen. Gleichzeitig sind Fertighäuser inzwischen auch als historisches Phänomen zu betrachten, durch das die Vororte und Randgebiete unserer Städte bis heute geprägt werden, und das in seiner scheinbaren Banalität nicht nur die Geschichte des Wohnens sondern auch die Glücksversprechen unterschiedlicher Zeiten nachvollziehbar macht.
Die Idee des Fertighauses ist dabei gleichsam eine Weiterentwicklung des Typenhauses im Zeitalter der zunehmenden Industrialisierung. War es die Idee des typisierten Bauens innerhalb größerer Bauvorhaben durch Reproduktion der immer gleichen Muster eine Ersparnis von Zeit und damit Geld zu erzielen, verspricht das Fertighaus, diese Effizienz auch auf den privaten Hausbau zu übertragen. Das Ziel ist das erschwingliche Einfamilienhaus für alle. Dabei war man historisch betrachtet durchaus experimentierfreudig: So gibt es Fertighäuser aus Holz und Beton, aber auch aus Kupfer, Stahl und Plastik. Der Bau von Fertighäusern bot also immer auch Spielraum für bautechnische Experimente und Innovationen.
In ihrer Rezeptionsgeschichte sind die so entstandenen Bauten angesiedelt irgendwo zwischen rationaler Utopie, alltäglichem Lebensraum und kleinbürgerlichem Feindbild. Als Tiny House erlebt das Fertighaus darüber hinaus ein überraschendes Revival als (nicht unumstrittene) Projektionsfläche für wahlweise Individualismus, Nachhaltigkeit, Minimalismus und Antwort auf Wohnungsknappheit.
Fertighäuser sind so nicht nur ein verbreitetes aber kaum erforschtes architektonisches und städtebauliches Phänomen. Sie stehen auch – so die These – für unterschiedliche gesellschaftliche Vorstellungen des zu unterschiedlichen Zeiten jeweils „guten“ Lebens.
Diese und andere Thesen als Ausgangspunkt nehmend, möchte sich das Projekt dem Phänomen der Fertighäuser in ihrer historischen Entwicklung bis heute annähern. Dies geschieht im ersten Semester in der Auseinandersetzung mit konkreten Beispielen aus Berlin und deren Einordnung in einen breiteren historischen und internationalen Kontext. Im zweiten Semester widmet sich das Projekt darauf aufbauend der Frage nach dem historischen und städtebaulichen Erbe der Fertighäuser: welchen Wert haben diese Objekte für uns heute? Welche Geschichten erzählen sie? Was verbinden Bewohner*innen und Außenstehende mit diesen Objekten und Strukturen? Und wie wollen wir zukünftig damit umgehen? Unter der Überschrift des „Alltäglichen Erbes“ wird diesen und ähnlichen Fragen nachgegangen.
Rückfragen zum Projekt können gerne an s.herold@tu-berlin.de gerichtet werden.
- Trainer/in: Max Franz Golze
- Trainer/in: Stephanie Herold
